Zweites Leben anstatt Mülltonne

„So, was darf’s für Sie sein?“, fragt mich eine freundliche Stimme. Wenn ich das nur wüsste, denke ich mir. Französisches Bauernbrot, Steinofenkruste oder vielleicht doch das Hausbrot? Nach langem Überlegen entscheide ich mich schließlich für das Dinkelbrot. Wenn ich keine so große Auswahl gehabt hätte, dann wäre mir die Entscheidung leichter gefallen, da bin ich mir sicher. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass es gleich 18.00 Uhr ist. Unweigerlich stellt sich mir die Frage, was mit den Backwaren passiert, die bis Ladenschluss keinen neuen Besitzer gefunden haben. Von der Verkäuferin erfahre ich, dass es eine Rischart Filiale mit dem Namen „Gutes von Gestern“ gibt und dass wohl ganz in der Nähe der Backstube eine Brotausgabe stattfindet. „Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, dann besuchen Sie doch einfach mal die Rischart Backstube“, rät mir die nette Dame. Das lass ich mir doch nicht zweimal sagen!

„Frische und höchste Qualität stehen bei Rischart seit jeher an oberster Stelle“, erklärt mir Magnus Müller-Rischart, der das Familienunternehmen inzwischen in der fünften Generation leitet. Um diesen Qualitätsanspruch zu erfüllen, finden sich in den Cafés und Verkaufsfilialen der Traditionsbäckerei nur tagesfrische Produkte. Egal ob Brot, Semmel, Gebäck, Kuchen oder Torte – alles frisch. Backwaren von gestern kommen bei Rischart nicht in die Tüte, mit einer Ausnahme. Bereits seit 1991 werden in der Rischart Filiale „Gutes von Gestern“ preisbewusste Feinschmecker fündig. Hier in der Baaderstraße im Herzen Münchens erhalten die Backwaren, die tags zuvor nicht den Weg über die Ladentheke gefunden haben, eine zweite Chance. Und zwar zum halben Preis. „Einwandfreie Produkte wegzuwerfen kommt für uns nicht in Frage“, so Herr Müller-Rischart. „Nachhaltiges Wirtschaften ist Teil unserer Firmenphilosophie. Wir backen mit Liebe und bringen den Lebensmitteln, die wir tagtäglich von Hand verarbeiten, den ihnen gebührenden Respekt entgegen. Ein Produkt, in dem so viel Handarbeit und Herzblut steckt, entsorgt man nicht einfach im Müll“, so der gelernte Bäcker- und Konditormeister weiter. „Gutes von Gestern“ – das gefällt mir.
Um herauszufinden, was es mit der Brotausgabe auf sich hat, heißt es früh aufstehen für mich. Herr Müller-Rischart hat mir nämlich den Tipp gegeben, schon vor sieben Uhr in der Backstube zu sein. Gesagt, getan.

Um Punkt sieben Uhr betritt Schwester Elisabeth die Versandabteilung der Rischart Backstube. „Ich wünsche Euch einen wunderschönen guten Morgen“, ruft sie in die Runde. „Das macht sie jeden Tag so. Nach ihr kann man die Uhr stellen“, erzählt einer der Mitarbeiter. Schwester Elisabeth ist nicht etwa eine Krankenschwester, nein. Sie gehört der Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser an, dem Träger des Herz Jesu Klosters. Der Weg in die Rischart Backstube gehört für Schwester Elisabeth zum allmorgendlichen Programm wie das Zähneputzen und das gemeinsame Gebet. Seit vielen Jahren holt die Schwester früh morgens Backwaren, die am Tag zuvor bis Ladenschluss nicht verkauft wurden, bei Rischart ab, um damit wenig später bedürftigen Münchnern ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Von Sonntag bis Freitag werden an der Pforte des Herz-Jesu-Klosters in der Buttermelcherstraße zweimal täglich belegte Brote sowie allerlei Semmeln und Gebäck ausgegeben.

Wer Schwester Elisabeth noch nie in Action gesehen hat, wäre überrascht, wie viel Energie sie hat. In Windeseile räumt die Schwester die für sie bereitstehenden Backwaren in Kisten, stapelt diese, hebt vollbepackte Kisten von einem Stapel, der größer ist als sie selbst, nach unten und freut sich währenddessen schon darauf, all die feinen Dinge zu verteilen. „Oh, da sind ja noch Apfelschnecken, die muss ich auf jeden Fall noch einpacken. Die mögen sie immer besonders gern“, lacht die Schwester. „Wissen Sie, viele der Menschen kommen mehrmals die Woche zu uns und das seit vielen Jahren. Mit der Zeit weiß man, wem was am besten schmeckt“, erzählt sie weiter. Sie selbst isst übrigens am liebsten das Dinkel-Chia Brot. Ein bisschen Superfood kann eben nie schaden!

Sind die Kisten gepackt, geht es zurück ins Herz-Jesu Kloster – praktischerweise ist das gleich nebenan. Hier bereitet Schwester Elisabeth nun alles für die Brotausgabe vor. Es hat sich herumgesprochen, dass Schwester Elisabeth und ihre Mitschwestern das Tor des Klosters an sechs Tagen die Woche jeweils um neun und um elf Uhr morgens öffnen, um Menschen, denen es finanziell nicht so gut geht, den Tag zu versüßen. Rund 80 Personen suchen im Schnitt täglich die Brotausgabe des Klosters auf. „Als wir damit angefangen haben, sind um die zehn Personen zu uns gekommen. In den letzten Jahren ist die Zahl der Bedürftigen stark gestiegen“, erklärt mir die gebürtige Fränkin.

Jeden einzelnen begrüßen die Schwestern mit einem herzlichen Lachen. Pro Person gibt es dann ein belegtes Käse- oder Wurstbrot und einen Nachtisch. Wer weitere Backwaren möchte, kann aus der bereitstehenden Kiste ganz nach Gusto wählen. Die belegten Brote bereiten Schwester Elisabeth und ihre Mitschwestern bereits am Vorabend zu. Jeden Tag nach dem Abendessen belegen die fleißigen Schwestern das Brot, das Schwester Elisabeth morgens in der Rischart Backstube geholt hat, liebevoll. Samstags ist die Brotausgabe des Herz-Jesu-Klosters geschlossen – das heißt aber nicht, dass die Schwestern am Freitagabend frei haben. Am Samstag kommt nämlich der sogenannte „Tee Walter“ vom gemeinnützigen Verein „Schwestern und Brüder vom heiligen Benedikt Labre e.V.“ beim Kloster vorbei und holt die belegten Brote ab. Damit macht er sich auf den Weg zu den Brücken Münchens, um die Obdachlosen, die unter den Brücken wohnen, mit einer Brotzeit und warmem Tee zu versorgen. Gar nicht so schlecht, dieses zweite Leben der Rischart Backwaren, oder?

Max

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