14. RischArt_Projekt PARASYMPATHIKUS – Der Sturm vor der Ruhe

Seit 1983 bringt Rischart unter dem Namen RischArt Kunst in den öffentlichen Raum, um diese für jedermann zugänglich zu machen. Alter Botanischer Garten, Kaufingerstraße, Königsplatz, Hauptbahnhof – das ist nur eine kleine Auswahl an Orten, welche RischArt in den vergangenen Jahren in Kunstsorte auf Zeit verwandelt hat. Das diesjährige 14. RischArt_Projekt PARASYMPATHIKUS macht die Südwiese vor der Alten Pinakothek für ein paar Wochen zu einem Open-Air-Kunstareal. Wie wird aus einer grünen Wiese ein temporärer Ort der Kunst? Um das herauszufinden treffe ich mich wenige Tage vor der Eröffnung des Kunstprojekts mit Kuratorin Katharina Keller auf besagter Wiese.

Wiese_2_Markus Amon
Foto: Markus Amon

„In der heutigen Zeit leiden immer mehr Menschen an Schlafstörungen oder Burnout. Viele von uns sind permanent unter Strom und fühlen sich gestresst. Nicht zuletzt aufgrund der unzähligen Umwelteinflüsse, denen wir heutzutage, vor allem in der Stadt, ausgesetzt sind. Die Frage ob und wenn ja wie Menschen in der Stadt zur Ruhe kommen können, beschäftigt mich schon lange“, erklärt mir Kuratorin Katharina Keller während neben uns eine Dame versucht, den Fundamentbauern den Weg zur Südwiese zu beschreiben. Aber dazu später mehr. „Daher hat es mich sehr gefreut, dass mir Gerhard und Magnus Müller-Rischart ihr Go gegeben haben, das 14. RischArt_Projekt der Thematik ,Ruhe und Unruhe in der Stadt‘ zu widmen“, lacht Frau Keller. Das war vor etwa einem Jahr.

Mit der Frage „Ruhe mitten in der Stadt, ist das überhaupt möglich?“ haben sich seitdem sechs Künstler auseinandergesetzt. „Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, auf welch unterschiedliche Weise verschiedene Künstler ein und dasselbe Thema umsetzen“, so die gebürtige Münchnerin. Bis zum Aufbau der Arbeiten hat die Kuratorin selbst übrigens auch nur Entwürfe gesehen. „Mit den Skizzen bin ich im März einen halben Tag über die Wiese gelaufen um herauszufinden, wo der ideale Platz für jede einzelne Arbeit ist“, erzählt die Blondine mit dem mitreißenden Lachen. „Es ist vor allem wichtig, dass die Blickachsen stimmen.“ Jede einzelne der sechs Arbeiten ist in ihrer Größe auf den Ausstellungsort abgestimmt. Sie sind sozusagen für die Südwiese gemacht. Würde das Kunstprojekt an einem anderen Ort stattfinden, wären auch die Arbeiten andere. Während ich versuche mir vorzustellen, wie die einzelnen Objekte wohl aussehen und an dem für sie bestimmten Platz wirken werden, kommt Frau Wengmann erleichtert auf uns zu. Nachdem die Fundamentbauer aus dem Allgäu von ihrem Navi an den Karolinenplatz geleitet wurden, haben sie schließlich dank dem Navigationsgerät namens Wengmann doch noch rechtzeitig die Südwiese gefunden. „Jetzt kann es losgehen“,  freut sich Frau Wengmann, die seit vielen Jahren die organisatorische Leitung der RischArt_Projekte innehat. Damit die bis zu vier Meter hohen Kunstwerke – wenn sie höher wären bräuchte man eine Baugenehmigung – auch brav an ihrem Platz bleiben, wird für jede Arbeit ein Fundament gesetzt. Am weitesten in die Tiefe reicht das Fundament der Para-Pagode – ganze ein Meter und zehn Zentimeter. Mit einer Höhe von vier Metern und einem Durchmesser von fünf Metern ist die Arbeit der Münchner Künstlerin Alexandra Hendrikoff auch die größte.

Und dann geht alles recht schnell – zumindest bei ein paar der Arbeiten. So zeigt sich das „Blaue Tempelchen“ von Vincent Tavenne dank seiner Steckbauweise schon nach etwa dreieinhalb Stunden in voller Pracht. Mit der Platzierung des Tempelchens ist die Kuratorin sichtlich zufrieden. „Der Ort ist ideal. Würde diese Arbeit auf dem linksseitigen Teil der Wiese stehen, wäre es zu perfekt.“ Dazu muss man wissen, dass die rechte Hälfte der Fassade der Alten Pinakothek im Moment ein Baugerüst ziert und das „Blaue Tempelchen“ genau davor steht. „Der Bruch zwischen dem himmelblauen Tempel Tavennes und der sich im Umbau befindenden Fassade sorgt für die nötige Spannung.“

Im Gegensatz zu anderen Künstlern muss der gebürtige Franzose beim Aufbau seines Objekts nicht mit der Zeit kämpfen – er hat einen anderen Gegner. „Das war doch gestern noch nicht hier.“ Das oder etwas Ähnliches muss sich wohl der kleine Hund, der das Innere des Tempelchens neugierig inspiziert, denken. In letzter Sekunde kann Tavenne den tierischen Besucher davon abhalten, in der blauen Ruheoase sein Revier zu markieren. Auch der „Kolporteur“ von Beate Engl und die „Fenster zur Entspannung“, zu welchen sich Martin Wöhrl hat inspirieren lassen, sind relativ schnell aufgebaut. Nur wenige Minuten nachdem der Münchner Künstler Wöhrl zum letzten Mal handangelegt hat, fängt eine Gruppe Teenager unmittelbar neben den drei Fenstern an Fußball zu spielen, als ob alles wie immer wäre.

So fix wie bei Tavenne, Wöhrl und Engl schreiten aber nicht alle Aufbauarbeiten voran. Das Team rund um Wolfgang Ellenrieder wirft regelmäßig sorgenvolle Blicke gen Himmel. Bedrohliche Wolken ziehen auf. „Hoffentlich hält das Wetter bis wir das Dach und die Seiten geschlossen haben“, betet einer der Monteure. Die Installation „Ein Dach über dem Kopf“ soll seinem Namen schließlich alle Ehre machen.

Ina Weber macht das Wetter weniger Sorgen. Der Berliner Künstlerin, die für das Kunstprojekt die Arbeit „Offen lassen“ entwickelt hat, bereitet im Moment eine ganz andere Frage Kopfzerbrechen, nämlich die nach dem aktuellen Aufenthaltsort bestimmter Schrauben. Eine erfahrene Künstlerin wie Ina Weber lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Am Ende wendet sich auch alles zum Guten: Die dunklen Wolken verziehen sich und die Schrauben tauchen auch wieder auf.

„Die Aufbauphase ist wahnsinnig aufregend für mich, zu sehen wie die einzelnen Arbeiten langsam Form annehmen und schließlich vollendet an Ort und Stelle stehen. Wir haben ja auch ein Jahr auf diesen Moment hingearbeitet“, so Katharina Keller. Es macht fast den Eindruck als würde sie „ihre Kinder“ in die Welt hinausziehen lassen. Innerhalb von zwei Tagen ist aus einer grünen Wiese ein Ort der Kunst geworden. Was ich in den nächsten Wochen machen werde, weiß ich auch schon: Den Ruhepol vor der Alten Pinakothek genießen und meinen Parasympathikus stärken.

Max

 

 

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