Wenn der Beruf zur Berufung wird: Seit 40 Jahren Konditor mit Leib und Seele

Vor kurzem habe ich erfahren, dass es bei Rischart einen Konditor gibt, der schon seit Beginn seiner Ausbildung, seit nunmehr 40 Jahren, bei dem Münchner Traditionsbetrieb arbeitet. Diesen Konditor, der seit so vielen Jahren die leckeren Kuchen, Torten und Lebkuchen macht, muss ich natürlich kennenlernen.

Konditormeister Marc Rühle empfängt mich mit einem festen Händedruck. Seine nicht mehr ganz blütenweiße Meisterjacke verrät, dass er heute schon den einen oder anderen Kuchen gemacht hat. „Bei uns ist im Moment Datschizeit. Wenn man vier Stunden ein Blech nach dem anderen mit Zwetschgen belegt, dann sieht man am Ende so aus“, erklärt Rühle mit einem verschmitzten Lachen als ob er Gedanken lesen könnte. Das ist also das Rischart-Urgestein. Was der wohl alles zu erzählen hat…

Lehrjahre sind keine Herrenjahre
„Als ich mich für die Lehrstelle bei Rischart beworben habe, hatte ich keinen blassen Schimmer davon, was ein Konditor eigentlich macht und der Name Rischart war mir auch kein Begriff“, erzählt mir Konditormeister Marc Rühle kopfschüttelnd und lachend zugleich. Es wirkt fast so als ob er immer noch nicht glauben könne wie er eigentlich bei Rischart gelandet ist. Inzwischen weiß Konditormeister Rühle sehr genau was ein Konditor den ganzen Tag oder besser gesagt die Nacht über macht. Schließlich steht der gebürtige Münchner seit 40 Jahren in der Backstube.
Dass aus dem schmächtigen Buben, der im Sommer 1977 die Volksschule verlassen hat, ein stattlicher Konditormeister geworden ist, ist einer resoluten Frau zu verdanken. Bei dieser Frau handelt es sich um die Mutter von Marc Rühle. „Meine Mutter hat im Sendlinger Anzeiger die Stellenanzeige ‚Suche Konditorlehrling‘ von Rischart entdeckt und sofort ausgeschnitten. Kurz darauf stand ich im Sonntagsgewand im Büro des heutigen Seniorchefs.“ Beim Bewerbungsgespräch hatten aber sowohl der damals 15-jährige Rühle als auch Gerhard Müller-Rischart  nicht viel zu sagen. „Meine Mutter hat ohne Punkt und Komma auf Herrn Müller eingeredet. Der hatte gar keine andere Wahl als mich zum Probearbeiten einzuladen“, erzählt er lachend. So kam es, dass Rühle, der im Münchner Schlachthofviertel aufgewachsen ist, in den Pfingstferien zusammen mit vier anderen Halbwüchsigen drei Tage lang in der Rischart Backstube, die damals noch in der Fraunhoferstraße war, Erdbeerschnitten belegt und Bleche geputzt hat. „Ganz blöd habe ich mich wohl nicht angestellt. Schließlich hab ich mich gegen die anderen Bewerber durchgesetzt und den Ausbildungsplatz bekommen.“ In den Worten des Konditormeisters schwingt dabei auch etwas Stolz mit. Wenn Rühle heute von seiner ersten Zeit bei Rischart erzählt kann er darüber lachen, damals war ihm aber wohl nicht so sehr zum Lachen zumute. Denn mehr als Zwetschgen entkernen, Bleche putzen und Müll entsorgen stand in den ersten Wochen nicht auf seinem Arbeitsplan. „Mein Lehrmeister hat immer gesagt, dass Bleche putzen eine sehr wichtige Aufgabe sei. Denn ohne saubere Bleche könnten wir ja schließlich auch nichts backen.“ Während der Konditor erzählt und in Erinnerungen schwelgt lehnt er sich in seinem Stuhl zurück, die Arme über dem Bauch verschränkt. An einen schneereichen Tag im Winter 1977 kann sich Rühle noch besonders gut erinnern. „Ich hatte in dieser Woche Mülldienst und musste, da unsere Mülltonne übervoll war, auf den Müllsäcken umherspringen, um noch etwas Platz zu schaffen.“ Und dann hat alles seinen Lauf genommen. „Beim Herumspringen bin ich längs auf die Müllsäcke gefallen und der Deckel der Tonne hat sich mit einem lauten Wumps geschlossen. Da der Deckel mit einer großen Menge Schnee bedeckt war, konnte ich die Tonne von innen nicht mehr öffnen. Und dann lag ich da eben.“ Nach etwa einer halben Stunde haben Kollegen die Hilferufe des Lehrbuben gehört und ihn aus seiner misslichen Lage befreit. Die ersten Wochen bei Rischart hatten aber durchaus auch ihre positiven Seiten. Denn die heutige Frau Rühle hat nur einen Monat nach ihrem Mann in der Fraunhoferstraße ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin begonnen. Sechs Jahre später waren sie verheiratet.

Musik als Droge
Obwohl Rühle zum Konditorberuf gewissermaßen wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist, hat sich schon bald herausgestellt, dass dieser Beruf, für den viel handwerkliches Geschick und Kreativität gefragt sind, genau das Richtige für ihn ist. Denn 1985, nur acht Jahre nachdem er seine Ausbildung bei Rischart begonnen hat, durfte er sich Konditormeister nennen. „Ich war damals der jüngste Meisterschüler Bayerns“, berichtet er stolz. „Während meiner Ausbildung und auch in der Zeit danach hatte ich immer gute Vorbilder in der Backstube. Ich habe mir von jedem das Beste angeeignet und schließlich meinen eigenen Stil entwickelt.“ Seit 2001 leitet nun der dürre Lehrjunge von einst die Rischart Konditorei-Abteilung und ist nun selbst zum Vorbild des Konditor-Nachwuchses geworden. „Das was ich mache muss ich mit der bestmöglichen Professionalität machen.“ Diesen Rat, den Marc Rühle als Auszubildender bekommen hat, gibt er heute seinen Schützlingen mit auf den Weg. Einen Ausgleich zur oftmals stressigen Arbeit in der Backstube findet Rühle in der Musik. Um seine Energiespeicher aufzuladen zieht er sich mit der Musik Richard Wagners in seinen Garten zurück oder geht in die Oper. „Beim Erklingen der ersten Musiktöne fällt der ganze Stress von mir ab. Musik ist wie eine Droge für mich.“

Herzenssache: Elisenlebkuchen
Etwas anderes zu machen, das könnte sich der Konditormeister mit dem spitzbübischen Lachen nicht vorstellen. „Unsere Kunden schätzen unsere Produkte. Mit unseren Kuchen und Torten sind wir Teil von Hochzeiten und Geburtstagsfeiern, unsere Osterlämmer stehen am Ostersonntag auf dem Frühstückstisch und unsere Lebkuchen und Plätzchen werden unterm Christbaum gegessen. Das ist einfach ein schönes Gefühl.“ Die Lieblingssaison des Konditormeisters ist die Weihnachtszeit. Grund hierfür sind die Elisenlebkuchen. „Es gibt kein Konditorei-Produkt, das ich nicht gerne mache, aber Elisenlebkuchen mache ich besonders gern“, erzählt er mit glänzenden Augen. „Da steckt einfach mein Herzblut drin. Über die Jahre habe ich die Rezeptur verfeinert und jetzt ist es einfach der perfekte Lebkuchen. In unseren Elisenlebkuchen ist nichts drin, was nicht rein darf, aber mehr als rein muss“, so Rühle lachend. In den vergangenen 40 Jahren hat der passionierte Konditor geschätzte 2,5 Mio. Elisenlebkuchen gemacht. Bei der Lebkuchenproduktion kommt übrigens noch die gleiche Maschine zum Einsatz mit der Rühle selbst gelernt hat. „In meiner Lehrzeit wurde schon gesagt ‚Du musst pfleglich mit ihr umgehen, die ist schon alt‘. Aber wahrscheinlich überdauert die noch viele Generationen.“ Rischart verlassen und bei einer anderen Konditorei arbeiten kam für den Lebkuchenliebhaber in all den Jahren nie in Frage. „Bei Rischart fühle ich mich einfach wohl. Das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung ist von großem gegenseitigen Vertrauen und Respekt geprägt. Hier gilt noch das gesprochene Wort. Über die Jahre hat sich daraus ein fast freundschaftliches Verhältnis entwickelt.“ Die nächsten fünf Jahre wird Rühle weiterhin ein wachendes Auge auf seine Abteilung haben, um anschließend nur noch „ein einfacher Konditor“ zu sein und den Weg für die nächste Generation zu ebnen. „Man soll so aufhören wie man angefangen hat: klein und bescheiden.“

Was Konditormeister Marc Rühle morgen macht? Zwetschgendatschi – natürlich mit der bestmöglichen Professionalität.

Max

 

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